Junge Arbeit e.V.
Junge Arbeit e.V.

Ein Verein mit Tradition und Visionen

„Von der Konfession zur Integration — Christen übernehmen Verantwortung“

 

1984 haben sich Menschen aus 26 Kirchengemeinden in Mittelhessen gefragt: „Wie können wir die Chancen von jungen Menschen mit Migrationshintergrund (besonders jungen Frauen) am Arbeitsmarkt verbessern?

 

Sie wollten sich nicht damit abfinden, dass Menschen wegen sprachlicher Probleme und ihres sozialen und kulturellen Hintergrunds von Ausbildungsmöglichkeiten ausgeschlossen werden. Deshalb formulierten sie:

 

Wir, die Unterzeichneten, Glieder der Evangelischen Kirche, sind mit vielen Menschen bestürzt über die Arbeitslosigkeit in unserer Zeit. Wir wollen nach Kräften dafür sorgen, dass Ausbildungsmöglichkeit und Ausbildungsplatzbeschaffung neue Hilfe zum Leben werden. Wir verantworten dies im Sinne christlicher Ethik, so wie sie uns zum Handeln herausfordert. Darum gründen wir einen Verein und geben ihm nachstehende Satzung.

 

Mit dieser Präambel wurde 1984 der Verein „Junge Arbeit Wetzlar e.V.“ gegründet.

 

164 junge Frauen wurden in der zeit von 1984 bis 2007 als Damenschneiderinnen ausgebildet, davon 67 Deutsche, 54 Türkinnen und 43 andere Nationalitäten.

 

Das Besondere der Ausbildung war neben dem Erlangen eines qualifizierten Abschlusses das Miteinander-Lernen, Miteinander-Arbeiten und manchmal auch Miteinander-Leben.

 

Ohne dass dies vorher impliziert war, entstanden Kontakte unter den jungen Menschen,  die sonst im Alltagsleben nie möglich gewesen wären (Stichwort: Paralellgesellschaft).

 

Es entstanden binationale Freundschaften, Sorgen und Nöte von Frauen in der Ablösephase vom Elternhaus wurden geteilt. Fragen von Sexualethik bis hin zur ungewollten Schwangerschaft konnten im geschützten Raum unter Gleichaltrigen,  wenngleich mit verschiedenem kulturellen Hintergrund besprochen, Liebeskummer geteilt werden.

 

Gerade die jungen Migrantinnen bekamen ein hohes Maß an Selbstwertgefühl und eben nicht zuletzt: Eine abgeschlossene Ausbildung!

 

Auch wenn viele der jungen Frauen später nicht unbedingt als „Damenschneiderinnen“ gearbeitet haben, fanden sie doch oft einen Arbeitsplatz in der Textilbranche oder im Einzelhandel.

 

Selbst die Frauen, die eine Familienpause einlegten, waren durch ihre erworbenen sozialen und sprachlichen Kompetenzen deutlich integrierter als vorher.

 

Oft hatten sie einen deutschen Freundes- und Bekanntenkreis, lebten in offeneren familiären Beziehungen als ihre Elterngeneration, schickten ihre Kinder in den Kindergarten und nahmen am kulturellen Leben in der Kleinstadt Wetzlar teil (bis hin zum Engagement im Ausländerbeirat).

 

Die Ausbildung wurde im Wesentlichen vom damaligen Arbeitsamt mit Unterstützung des Arbeitslosenfonds der rheinischen Landeskirche und der Stadt Wetzlar finanziert.

 

Das Gesicht der Ausbildung, sozusagen der „Mörtel“ zwischen den finanziellen Bausteinen aber war das unverändert hohe Engagement von vielen Ehrenamtlichen, oft kirchliche (Frauen-) Gruppen, aber auch viele nicht konfessionell gebundene Einzelpersonen.

 

Mit ihrem Engagement begleiteten sie die jungen Frauen und schufen Absatzmärkte für die hergestellte Kleidung auf ungezählten Basaren und Veranstaltungen.

 

Enttäuschung — Krise — neue Hoffnung

 

Mit der Entscheidung der Arbeitsagentur, die Ausbildung zur Damenschneiderin nicht weiter finanziell zu fördern, stand die Arbeit, und damit auch der Verein 2007 vor dem Aus.

 

Müde von mehr als 20 Jahren Engagements fällte der Vorstand den Beschluss, den Verein aufzulösen. Die beiden Meisterinnen und die Verwaltungskraft wurden gekündigt.

Vielleicht macht es den Charme einer Kleinstadt aus, wo jeder jeden kennt, die Arbeit sich ein Renommee verschafft hatte und sich Menschen auch wieder neu begeistern lassen, wenn denn eine Vision da ist.

 

Die gab es tatsächlich.

 

Der Verein wurde auf der Mitgliederversammlung nicht aufgelöst, es fanden sich neue Vorstandsmitglieder.

 

Eine Idee bricht sich Raum — oder: neuer Wein in alte Schläuche

 

Aus verschiedenen „Bausteinen“ wird die Arbeit neu ausgerichtet.

 

  • ·      Das Angebot eines Hausbesitzers auf unentgeltliche Nutzung eines Ladenlokals für ein Cafe.

 

  • ·      Ein ähnliches Angebot der „Phantastischen Bibliothek“.

 

  • ·      Die Initiative „Cafe Plus“ gewinnt den dritten Preis des Stadtmarketings mit ihrer Idee eines sogenannten „Lobbycafes“ und bringt sich in den Verein ein-

 

  • ·      Der Verein „alt und jung e.V.“ macht ein vom europäischen Sozialfond gefördertes Projekt „Tandem“ mit der jungen Arbeit gemeinsam. Dafür wird eine der beiden Meisterinnen wieder eingestellt.

 

  • ·      Die Lahn-Dill-Arbeit beteiligt sich an dem Projekt zur Qualifizierung junger Frauen und lässt sich auf das Experiment ein, eine solche Maßnahme 2 Jahre zu fördern.

 

Und nun konnten neue Ziele formuliert werden!

 

In unseren Projekten sollen junge Menschen aller Nationen mit schwierigen sozialen Hintergründen qualifiziert und gefördert werden.

 

Das Lernen erfolgt in sogenannten Übungsfirmen (Lernen und Arbeiten im Reagenzglas). Die jungen Frauen und Männer können sich "ausprobieren" und ihre Schwerpunkte nach eigenen Fähigkeiten setzen.

 

Folgende "Übungsfirmen-Bereiche" stehen zur Verfügung:

 

  • ·      Gastronomie (Spülen, Reinigen, Ein- und Verkauf, Hygiene, Kalkulation und Snack-Zubereitung)

 

  • ·      Hauswirtschaft (Backen, Kochen‚ Waschen, Bügeln und Mangeln)

 

  • ·      Service (Bestellungen entgegen nehmen, zubereiten und abrechnen)

 

  • ·      Floristik (kreatives Arbeiten mit Naturmaterialien)

 

  • ·      Schokoladenmanufaktur (Herstellen von Pralinen und Schokoladenspezialitäten)

 

Eckpunkte unserer Arbeit sind folgende Lernfelder:

 

  • ·      Tagesstruktur
  • ·      Hygiene
  • ·      Selbsteinschätzung
  • ·      Motivation
  • ·      Kommunikation
  • ·      Konfliktfähigkeit
  • ·      Problemlösefähigkeit
  • ·      Arbeitsorganisation
  • ·      Fachliche Kenntnisse
  • ·      Fachliche Fertigkeiten

 

Wir bieten ein Angebot von Lebenshilfe und Begleitung durch Ehrenamtliche und Hauptamtliche, damit die jungen Menschen ihre Kompetenzen erkennen und evtl.  ihre Sprachkenntnisse verbessern können.

 

Qualifizierung und Förderung der jungen Menschen, um ihnen einen besseren Zugang zum 1. Arbeitsmarkt zu ermöglichen.

 

Akquisition von Arbeits- und Ausbildungsplätzen.

 

Ziel ist es, die Ressourcen gesellschaftlich benachteiligter und erwerbsloser Menschen zu aktivieren und sie soweit zu qualifizieren, dass sie den Anforderungen des Arbeitsmarktes gewachsen sind.

 

Wir, das Team von AnleiterInnen und BetreuerInnen, die teils ehrenamtlich oder hauptamtlich tätig sind, nehmen uns für jeden einzelnen Teilnehmer Zeit.

 

Denn hinter jedem Menschen steckt ein eigenes Schicksal.

 

Manchmal selbstverschuldet, aber oftmals braucht es nur eine Starthilfe.

 

Das Gefühl gebraucht zu werden und ein Mitglied eines Teams zu sein ist für viele ein unbekanntes Gefühl.

 

Während es für den einen schon ein Erfolg ist pünktlich und regelmäßig zu Arbeit zu erscheinen, so ist es für den anderen ein Erfolg, das erste Mal einen Kuchen zu backen. Von Kunden oder Vorgesetzten ein Lob zu erhalten setzt manchmal mehr Kräfte frei als übereilte Kritik. Und mit einem gesteigerten Selbstwertgefühl steigt auch die Kritikfähigkeit.

 

Das ist die Basis unserer Arbeit, um mit jedem Einzelnen seine individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten heraus zu arbeiten.

 

 

Die Vision: Von der Integration zur Partizipation —junge Frauen gestalten mit

 

lm Laufe der Jahre haben wir gelernt, dass Integration auch Teilhabe beinhaltet. In unserem Fall: Teilhabe an dem gemeinsamen Projekt, an der Vision: Wir wollen es schaffen, Cafe ins Laufen zu bringen und jede/r bringt seine dafür hilfreichen Gaben und Fähigkeiten ein.

 

Dass Gefühl für eine Idee gebraucht zu werden, verlieh einigen Maßnahmeteilnehmerinnen fast die sprichwörtlichen „Flügel“.

 

Und wie nebenbei verdichtete sich das Miteinander, jetzt durch einen starken Anteil an jungen Aussiedlerinnen. Gemischtethnische Teams entstanden, sie bewältigen heute Krisen, Tage mit wenig Einnahmen, „verunglückte“ Kuchen, teilen weiter Freud und Leid und nicht zuletzt das Trinkgeld.

 

„Schnittstellen der Begegnung“ nennen wir das heute. Begegnung zwischen Alt und jung, den verschiedenen Nationen und Kulturen und auch der verschiedenen sozialen Milieus. Dabei ist der Gedanke: „Dich braucht es, damit wir Weiterbestehen können“ nicht nur Motivation, er ist auch realistisch, denn nach wie vor ist das Geld knapp und monatliches Bangen „Wird’s denn reichen“ angesagt.

 

Doch genau an dieser Stelle haben die jungen Frauen (und inzwischen auch mehrere Männer) die Sache schon längst zu ihrer gemacht.

 

Ihre aktuelle Projektidee heißt „Grannys Garden“ und meint das bewirtschaften eines alten Nutzgartens gemeinsam mit den (alten) Besitzern im sinne eines „internationalen Gartens“, d.h. Über Grenzen der Nationen und Generationen hinweg. Das geerntete Obst und Gemüse soll dann gemeinsam verarbeitet und haltbar gemacht werden. Auch dazu gibt es einen Slogan: „Was Oma Mienchen noch konnte und Tante Sefta noch wußte...“

 

Hier finden Sie uns:

Junge Arbeit e.V.
Weißadlergasse 1
35578 Wetzlar

 

Öffnungszeiten (Sommer)

 

Dienstag bis Freitag:

09:00 bis 18:00 Uhr

 

Samstag:

09:00 bis 17:00 Uhr

Kontakt

Rufen Sie einfach an 06441 7707497 oder nutzen Sie unser Kontaktformular.

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